App statt Bank – brisantes Thema für die Finanzpolitik

Vielfach in der Öffentlichkeit noch unbemerkt, tobt im Finanzsektor ein Kampf um Marktanteile unter neuen Vorzeichen: FinTechs, innovative Start-ups also, die Finanzdienste mithilfe moderner Technologien zur Verfügung stellen, etablieren sich als fester Teil der Branche und machen den Etablierten Konkurrenz. Bernd Brabänder, ehemaliger Geschäftsführer des Bundesverbandes deutscher Banken sowie Gründer und Senior Partner der politischen Unternehmensberatung „Commentum political communication“, Berlin, beschreibt in unserem neuen „Zwischenruf vom Leipziger Platz“ die Brisanz des Themas, an dem inzwischen auch die Politik nicht mehr vorbei kommt.

Die Geschäftsmodelle der FinTechs sind so vielfältig wie die Finanzwelt selbst: Sie bieten Zahlungsverkehr ebenso an wie Kredit-, Anlage- und Sparprodukte oder Versicherungen – und vieles mehr. Grund dafür ist ein neues Verbraucherverhalten.

Digital auch bei Finanzen gefragt

Die Verbreitung mobiler Endgeräte hat das Tempo des digitalen Wandels enorm beschleunigt. Eine rasch zunehmende Zahl von Menschen will digitale Anwendungen in allen Lebensbereichen nutzen – auch bei den Finanzen. Kunden, die jederzeit online und zugleich bestens informiert sind, geben den Takt vor. Da fällt es Plattformen außerhalb des Finanzbereichs wie Facebook, Google oder Alibaba mit einer großen Zahl von Kunden und unerschöpflichem Wissen über deren Gewohnheiten und Vorlieben leicht, attraktive Angebote zu erstellen. Am anderen Ende der Skala haben wendige, kleine Anbieter wie Weltsparen (Festgeld), Fairr (Altersvorsorge) oder Cashpresso (Kredite) entdeckt, wie entscheidend leicht verständliche und nutzerfreundliche Onlineschnittstellen zum Kunden für den Markterfolg sind.

Die traditionellen Anbieter haben Probleme, sich der Lage anzupassen und ihre Position in einer Welt zu finden, in der alles anders ist als bisher. Das ist kaum überraschend. „Digital“ steht für „schnell und flexibel“. Für die Platzhirsche bedeutet das, dass sie ihr Denken und Handeln komplett umkehren müssen.

Hinzu kommt, dass die neuen Wettbewerber in einem Moment auftreten, in dem die etablierten Häuser nicht sonderlich gut auf den „Verteidigungsfall“ eingerichtet sind: Die Banken etwa leiden unter schwachen Erträgen und gestiegenen Regulierungs- und Compliance-Kosten als Folge der Finanzkrise. Da ist es schwierig, die Investitionen zu stemmen, die nötig sind, um eine Führungsrolle bei digitalen Finanzdienstleistungen einzunehmen. Die Start-ups können dagegen alles neu denken und schlanke Strukturen aufbauen. Die Politik macht es den Etablierten nicht leichter – das ist aber auch nicht ihre Aufgabe. Es ist ein politisches Ziel, dass die Digitalisierung im Finanzsektor rasch voranschreitet. Das stützt die „Realwirtschaft“ und das Wachstum insgesamt und es gibt den deutschen Verbrauchern Zugriff auf moderne und von den Kunden erwünschte Angebote.

Digitale Realität nicht ignorieren

Für die kommende Legislaturperiode gilt daher: Eine politische und regulatorische Rahmensetzung, die Fintech-Startups auf dem Weg hin zu digitalen Angeboten unangemessen einschränkt, wäre keine adäquate Antwort auf die Herausforderungen. Der gesetzliche Rahmen für Finanzgeschäfte darf die digitale Realität nicht ignorieren. Die ist dadurch geprägt, dass für die Verbraucher zum einen die Grenzen zwischen „Online“ und „Offline“ zunehmend verschwinden und zum anderen dadurch, dass die digitale Welt mobil und international ist. Die Zeiten, in denen Gesetzgeber vor allem lokal und „offline“ dachten, sind vorbei.

Um zu verhindern, dass der Rechtsrahmen den digitalen Möglichkeiten hinterherhinkt, ist im Grunde ein „Fitness-Test“ aller bestehenden Regelungen nötig. Dabei geht es nicht darum, spezifisch Neues für digitale Sachverhalte zu schaffen oder FinTechs besondere Vorteile im Wettbewerb zukommen zu lassen. Aber es muss geprüft werden, ob das Finanzdienstleistungsrecht dem Bedarf der Anbieter und der Bürger und Verbraucher im digitalen Zeitalter entspricht. Und es muss überprüft werden, ob das deutsche Rahmenwerk zukunftssicher in dem Sinne ist, dass es Innovation und die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft fördert. Die politische Förderung eines „Fintech-Standorts Deutschland“ mit europaweiter Relevanz: Das böte gerade angesichts des Brexit und der Schwierigkeiten des an sich geborenen Standorts London enorme Chancen.

Und die klassischen Anbieter? Wagt man den Blick in die Glaskugel, sieht man ein zweigeteiltes Bild, mit Verlustpotenzial, aber auch mit Chancen für beide Seiten. Die Etablierten werden erkennen müssen, dass Innovation ein kritischer Faktor ist. Die Fintechs stehen zugleich vor einer Phase der Konsolidierung. Trotz des Hypes werden nicht alle neuen Anbieter zu dauerhaft erfolgreichen Marken.

Die wahrscheinlichste Lösung: App und Bank!

Das wahrscheinlichste Ergebnis: Wir werden engere Kooperationen sehen, in die beide Seiten ihre Stärken einbringen – langfristige Kundenbeziehungen, Produktvielfalt und hohes Kundenvertrauen die einen, Innovationsvermögen und ein klarer Fokus auf den Kundennutzen die anderen. Die Trennlinie wird nicht zwischen etablierten und neuen Marktteilnehmern verlaufen, sondern zwischen flexiblen und weniger anpassungsfähigen.

Richtig angepackt bleibt eine gute Nachricht: Der Kunde wird am Ende auf jeden Fall profitieren!