Briten bauen auf weitere Amtszeit Merkels

Wie sehen die Briten den Wahlkampf in Deutschland? Welcher Partei und welchem Politiker drücken sie die Daumen? Der neue „Zwischenruf vom Leipziger Platz“ beschäftigt sich mit den Erwartungen Großbritanniens an die Bundestagswahl. Autor ist Mark Glover, Geschäftsführer von Newington, der britischen Partneragentur von Kohl PR. Er beschäftigt sich seit vielen Jahren mit der politischen Entwicklung im Vereinigten Königreich und war bis vor kurzem Vorsitzender der Association of Professional Political Consultants.

Mark Glover, Geschäftsführer von NewingtonMark Glover, Geschäftsführer von Newington

In einer Zeit, in der die politische Agenda in Großbritannien vom Brexit beherrscht, wird, bestimmt dieses Thema auch den Blick auf die Wahlen in Deutschland. Im Fokus steht, wie sich ein Wechsel in der politischen Führung Deutschlands auf die Bedingungen des britischen Austritts aus der EU auswirken könnte. Auch wenn viele Bürger im Vereinigten Königreich mittlerweile akzeptieren, dass der Ausstieg aus der EU jetzt unvermeidlich ist, bleibt die Mitte der Gesellschaft in der Frage gespalten, ob der Brexit Vorteile mit sich bringt oder nicht.

Einzig anerkannte politische Persönlichkeit Deutschlands

Angela Merkel ist unverändert die einzige politische Persönlichkeit in Deutschland, die in weiten Teilen Großbritanniens anerkannt ist. Aus diesem Grund würden es die meisten britischen Politiker begrüßen, wenn die gegenwärtige Bundesregierung am 24. September bestätigt würde, obgleich die Briten wissen, dass die Wahl einen neuen Juniorpartner in der Regierungskoalition hervorbringen kann. Aber Angela Merkel wird als wichtigste politische Stimme in der Europäischen Union angesehen und realistischerweise als einzige politische Persönlichkeit in Europa, die auf der Weltbühne im Wettbewerb mit Politikern wie Trump, Putin und Xi Jinping bestehen kann. Das kann sich mit dem Aufstieg von Präsident Macron in Frankreich ändern. Er muss sich aber nach wie vor zunächst im eigenen Land und auf europäischer Ebene beweisen.

Merkel wird in Großbritannien als Politikerin wahrgenommen, mit der man verhandeln kann. Es wird respektiert, dass sie für die deutschen Interessen kämpft. Sie gilt aber auch als Politikerin, die beides im Blick hat: die größeren geopolitischen Fragen ebenso wie die Tatsache, dass positive langfristige Beziehungen zu Großbritannien den deutschen Interessen entgegen kommen. Merkel wird von einem breiten politischen Spektrum Großbritanniens geachtet, nicht aber von den eher populistischen Vertretern der Rechten und der Linken des Landes. Sie erhält Anerkennung für ihr Eintreten für eine besonnene Politik und dafür, dass sie weltweit ein Bollwerk gegen Populismus und Nationalismus darstellt.

Ihr Kontrahent Martin Schulz ist als erfahrener Politiker angesehen, wird aber wegen seiner Karriere in Brüssel mit Skepsis betrachtet. Zudem halten ihn die meisten für zu schwach, um als wirkliche Herausforderung für die Kanzlerin zu gelten. Zuspruch erhält er von einigen Vertretern der Linken. Insgesamt fällt die Anerkennung für ihn in aber gering aus. Viele, die ihn kennen, halten ihn für zu eng mit der Europäischen Kommission verbunden. Diese Nähe bringt ihn in Misskredit bei jenen, die für den Brexit gestimmt haben. Unbeliebt ist er vor allem bei vielen Brexit-Befürwortern der Konservativen, für die sein Sieg über Kanzlerin Merkel eine Schreckensvorstellung ist.

Ein weiteres Thema ist in Großbritannien die Sorge über populistische Parteien wie die AfD. Ihr Erfolg ist zwar begrenzt. Aber vor dem Hintergrund des Aufstiegs des Front National in Frankreich, der Freiheitspartei in Österreich, der Fünf-Sterne-Bewegung in Italien, der UKIP in Großbritannien oder der Syriza in Griechenland würden Gewinne der AfD Besorgnis auslösen in einer Zeit, in der große Teile Europas von Deutschland Stabilität erwarten.

Nach dem Brexit und der Wahl von US-Präsident Trump wäre Großbritannien über Stabilität in Deutschland glücklich. Und für die meisten bedeutet dies eine weitere Amtszeit für Angela Merkel und eine CDU-geführte Koalition.